Jean-Pierre Guichard

Geschichte der Werkstatt und Untersuchung der technischen Fertigungsneuerungen an zwei Sitzmöbeln 

Das Leben und Schaffen des Möbeltischlers Jean-Pierre Guichard, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Yverdon-les-Bains in der französischen Schweiz tätig war, ist trotz seiner zeitgenössischen überregionalen Bekanntheit wenig erforscht. Einzig das Werk „Les Meubles d'Yverdon“ von Pierre Monnier und Louis Vuille (erschien 1979 im Verlag Editions du Faubourg de la Croix Blanche) beschäftigt sich mit dieser interessanten Persönlichkeit. Weitere Informationen lassen sich primär in zeitgenössischen Quellen und Archivalien wie Zeitungsartikeln und der Stadtchronik von Yverdon, dem Registre de la Municipalité d'Yverdon, finden. Weitere Zeugen der Produktivität und Meisterschaft Guichards sind nicht zuletzt seine Möbel selbst, von denen sich eine große Anzahl im Depot des Stadtmuseums von Yverdon befindet.  Guichard brachte es in seiner Schaffenszeit zu einigem Ruhm und finanziellem Erfolg, er stellte 1855 auf der Exposition universelle in Paris aus und war ein geachteter Teil der Gesellschaft Yverdons. Sein Erfolg gründete sich in der Anwendung innovativer Technologien, welche die serielle Fertigung von Möbeln möglich machten, wie die Verwendung von Schichtholz und die Verwendung von „gepressten Ornamenten“, die mittels durch Wasserkraft angetriebene hydraulische Pressen hergestellt wurden und zu den Charakteristika der Meubles d’Yverdon zählen. Sitzmöbel stellten dabei den maßgeblichen Teil der Produktion dar.  Um diesen Innovationen auf den Grund zu gehen wurden zwei Sitzmöbel Guichards, ein Stuhl und ein Fauteuil, die freundlicherweise von Herrn Wolfgang Thillmann für Nachforschungen zur Verfügung gestellt wurden, genauestens untersucht. Zum Zweck der Analyse und Beschreibung der Konstruktionsweise der beiden Sitzmöbel, sowie um die Frage zu klären, ob Guichard bereits Sperrholz verwendete (hier werden im Gegensatz zu Schichtholz die Schichten in wechselnder Faserrichtung, i.e. „gesperrt“ verleimt) wurden mit freundlicher Unterstützung von Herrn Klaus Martius im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg Röntgen-Aufnahmen der beiden Sitzmöbel erstellt. Bezüglich der Konstruktion war festzustellen, dass Guichard sich primär einfacher Verbindungen bediente. Dies sind, neben den klassischen Zapfen-Verbindungen des Sitzrahmens, interessanterweise vor allem verschiedene Überblattungen im Bereich der Arm- und Rückenlehne. So ist beispielsweise der geschwungene Schichtholzteil der Armlehne des Fauteuils sowohl mit der Armlehnstütze, als auch mit dem Verbindungsteil zu Rückenlehne (beide aus Massivholz) durch Überblattung verbunden. Alle sichtbaren Bauteile sind aus Nussbaumholz gefertigt (massiv und Furnier), die Holzverbindungen sind durch aufgelegte Furniere, Ornamente oder Blenden verdeckt. Stuhl und Fauteuil weisen starke konstruktive Parallelen auf, die auch bei den in Yverdon untersuchten Sitzmöbeln festgestellt worden waren. Diese recht einfachen, sich wiederholenden Konstruktionsschemata stellen einen der Grundpfeiler der beginnenden seriellen Produktion von Möbeln dar.  Ein weiterer wichtiger Aspekt der Ökonomisierung der Produktion ist die Verwendung von Sperr- bzw. Schichtholz für geschwungene Bauteile. Die Untersuchung einer Fehlstelle an der geschweiften Armlehne des Fauteuils legt nahe, dass Guichard, zumindest für diese Anwendung noch kein Sperrholz verwendete, da die Lagen nicht quer zur Faser verleimt sind. Doch bereits die Verwendung von Schichtholz ist als innovativ zu betrachten, vor allem wenn man beachtet, aus welch feinen (Nussbaum) Furnieren Guichard seine Schichtholz-Bauteile fertigte (die Stärke des dünnsten sichtbaren Furniers beträgt 1 mm). Guichard stellte seine Furniere selbst her, vermutlich mit einer Art speziell gefertigter Kreissäge, und wurde für seine Meisterschaft in der Furnierherstellung allseits geachtet.  Es ist nicht ausgeschlossen, dass Guichard außerdem bereits Sperrholz verwendete, beispielsweise für gerade Bauteile wie hölzerne Sitzflächen, Exemplare dieser Art standen jedoch nicht zur genaueren Untersuchung zur Verfügung.  Ein weiteres Bauteil, bei dem die Verwendung von Sperrholz Sinn ergäbe, ist das gepresste Ornament, ein Unikum, das die Meubles d’Yverdon umgehend als solche erkenntlich macht.  Guichard verwendete von Beginn seiner Produktion an diese im Vergleich zu Schnitzereien sehr preisgünstige Technik um seine Möbel zu schmücken. Das Ornament-Repertoire umfasst primär florale Muster, Muschel-Ornamente und einfache Ornament-Stäbe, sämtliche Ornamente finden sich, bunt gemischt, auf allen Möbeln wieder. Aus einer Kombination der Informationen verschiedener zeitgenössischer Quellen kann angenommen werden, dass die Ornamente aus mehreren Lagen (Nussbaum-) Furnier hergestellt wurden, die gekocht und noch heiß in geheizte Messingformen mit Positiv- und Negativ-Hälften gepresst wurden, wobei, wie erwähnt, eine hydraulische Presse zum Einsatz kam.  Basierend auf diesen Informationen wurden eigene Versuche durchgeführt, die zumindest teilweise von Erfolg gekrönt waren. Festzustellen war, dass hoher Druck von Nöten ist, um Ornamente von einer derartigen Exaktheit wie diejenigen Guichards Möbeln herzustellen. Ein Problem, das sich im Verlauf der Versuche ergab, war die unzureichende Trocknung der gepressten Furnierlagen in der Pressform, was zu dem Schluss führen könnte, dass Guichard für die Rückseite seiner Ornamente (also die Positiv-Form) perforierte Pressformen verwendete.  Rückblickend ist zu sagen, dass die hier versuchte Produktionsweise durchaus plausibel ist, jedoch müssten einige Parameter deutlich modifiziert werden, um ein mit Guichards makellosen Ornamenten vergleichbares Ergebnis zu generieren. Auch wenn meine Forschungsarbeit aufgrund des eingeschränkten Rahmens eine Vielzahl an Fragen offen, oder zumindest nur teils beantwortet ließ, ist eines jedoch klar: Guichard bediente sich in vielen Bereichen, wie der Furnierherstellung, dem hydraulischen Pressen von Ornamenten und letztlich auch der Verwendung von Schichtholz aus sehr dünnen Furnierlagen modernster Techniken. Diese Fortschrittlichkeit erlaubte eine ökonomische, fast schon serielle Fertigung von Möbeln. Guichard reiht sich damit ein in die Riege der ersten Möbelfabrikanten. 

Autorin: Marie-Luise Rönsch, Staatlich geprüfte Restauratorin

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